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Wer sich von Warschau aus auf der E 77
Richtung Krakau begibt, wird kaum bemerken, wie das Gelände aus dem
Warschauer Becken heraus allmählich ansteigt. Selbst die Radomer Platte
hinter Bia³obrzegi bringt keine sonderliche Abwechslung in die bislang recht
eintönige Fahrt. Doch bei Skar¿ysko-Kamienna tauchen die ersten ansehnlichen
Hügel auf. Wir sind im Kielcer Bergland, das neben den Sudeten zu den
ältesten Gebirgen in Polen zählt. In seiner langen Entstehungsgeschichte ist
dieses Gebiet abwechselnd angehoben und vom Meer überflutet worden. Die
bedeutendste Auffaltung erfolgte vor rund 300 Millionen Jahren während der
herzynischen Gebirgsbildungen im Karbon. Das Mittelgebirge ist aus harten
Quarzsandsteinen, Kalksteinen und Grauwacken aufgebaut, die der Verwitterung
und Abtragung einen größeren Widerstand entgegensetzten als die
dazwischenliegenden weicheren Erdschichten. So bietet sich uns heute eine
wellige Hochfläche, aus der langgestreckte Höhenzüge aus härterem Gestein
hervorragen. Sie ziehen alle von Nordwest nach Südost. Im Mittelteil des
Kielcer Berglandes bilden sie breite, wallartige Rücken, die anfangs sacht
aus der Hochebene aufsteigen, während dann zum Bergkamm hin die Böschungen
doch sehr steil werden. Zwischen den parallel angeordneten Höhenzügen liegen
langgestreckte Mulden. Dort könnten die Flüsse auch in Richtung
Nordwest-Südost fließen, doch sie durchbrechen in steilwandigen Tälern
einzelne Höhenzüge, um dann nach Norden oder Süden abzufließen. Dadurch sind
aus den ursprünglich langgestreckten Höhenzügen Reihen einzelner, kürzerer
Rücken entstanden - ein bewegtes Auf und Ab zahlreicher Bergkuppen, die nach
allen Seiten hin abfallen.
Der größte Höhenzug im zentralen Teil des Kielcer Berglandes
sind die aus Quarzit, Sandstein und Schiefer bestehenden
Heiligenkreuzberge/Góry Œwietokrzyskie. Auf dem Kahlen Berg (595 m) steht
dort, wo sich einst eine heidnische Kultstätte befand, das Kloster Heilig
Kreuz/Œwiêty Krzy¿, nach dem sowohl die hiesigen Berge als auch die
Wojewodschaft benannt werden. Das Kloster entstand aus einer im 12.
Jahrhundert gestifteten Benediktinerabtei, in welcher der Legende nach aus
Ungarn mitgebrachte Reliquien des Heiligen Kreuzes aufbewahrt werden. Es ist
ein vielbesuchter Wallfahrtsort im Kielcer Bergland, der heute den Oblaten
der seligen Jungfrau Maria untersteht. Die Oblaten betreiben eine rege
Missionstätigkeit, worüber man in ihrem Museum einiges erfahren kann.
Überhaupt wird der Klosterkomplex bei jedem Besucher einen tiefen Eindruck
hinterlassen, sei es die spätbarocke-klassizistische Klosterkirche mit ihrer
herrlichen Westfassade, der hohe gotische Kreuzgang, von dem aus man einen
Blick auf den geheimnisvollen Innenhof mit seinem Brunnen werfen kann, oder
die frühbarocke Kapelle der Familie Oleœnicki. Im westlichen Flügel des
Klosterkomplexes ist heute ein Naturkundemuseum des hiesigen Nationalparks
untergebracht, und unweit davon steht seit 1966 ein wenig ansehnlicher, doch
von weithin sichtbarer 140 m hoher Fernsehturm.
Die alten Tannen-Buchenwälder rund um das Kloster gehören zum
1950 gebildeten Nationalpark Heiligenkreuz. Er ist gegenwärtig ca. 7600 ha
groß und umfaßt im wesentlichen die Höhenzüge westlich und südlich vom Ort
Bodzentyn einschließlich einiger Niederungen. Den überwiegenden Teil des
Nationalparks bedecken dichte Wälder aus Tannen, Buchen, Kiefern, Eichen,
Lärchen und Schwarzerlen. Einmalig sind die sehr alten Lärchenwälder auf dem
Helmberg Che³mowa Góra nördlich vom Ort Nowa S³upia oder die
Buchen-Tannenwälder an den Böschungen der Kahlen Berge im zeitigen Frühjahr,
wenn ein dichter Teppich aus violett blühender Drüsenzahnwurz den Boden
überzieht. Die größte Attraktion sind jedoch die während der Eiszeit
entstandenen Trümmergesteinfelder an den Nordhängen der Kahlen
Berge/£ysogóry. Nur Moose und Flechten überziehen die größeren oder
kleineren Quarzitblöcke, und vereinzelt versuchen Ebereschensträucher auf
diesem unwirtlichen Boden Fuß zu fassen. Die artenteiche Flora wird
besonders im Frühjahr den Besucher entzücken, wenn er durch die Lichtungen
und Wiesen wandert (u.a. Trollblumen, Türkenbundlilien, Sibirische
Schwertlilien, Sonnentau, Knabenkräuter, Glockenblumen). Obwohl es sich bei
den Heiligenkreuzbergen um ein Mittelgebirge handelt, kommen hier
Pflanzenarten vor, die sonst nur in höheren Bergen auftreten. Die Tierwelt,
insbesondere was die Säugetiere angeht, unterscheidet sich wenig von der
anderer waldreicher Landschaften Mitteleuropas.
Zentrum der Wojewodschaft Heiligenkreuz ist die dynamisch
aufstrebende Stadt Kielce. Sie zählt rund 215 000 Einwohner. Sehenswert sind
vor allem der barocke Dom mit einer Muttergottesfigur aus Bleierz und das
direkt gegenüber liegende Schloß - der ehemalige Sitz der Krakauer Bischöfe.
Das unlängst restaurierte Schloß birgt heute umfangreiche Sammlungen des
Nationalmuseums (Malerei, Möbel, alte Waffen). Von den Fenstern des
Nationalmuseums aus ist auf der bewaldeten Anhöhe Karczówka (340 m) ein von
hohen Mauern umgebenes ehemaliges Bernhardinerkloster zu erkennen. Innerhalb
der Stadt und ihrer Umgebung fallen viele große Steinbrüche ins Auge. Sie
liefern Gips, Kalk, Sandstein, Quarzit und verschiedenste Baustoffe.
Geschätzt wird vor allem der sog. Kielcer Marmor, der südlich der Stadt
gebrochen wird. Der in dünne Platten zerlegte Marmor wird poliert und findet
als Wandverkleidung, Bodenbelag, für Treppenstufen, Sockel und Denkmäler
mannigfache Verwendung. Dem harten rosafarbenen Quarzsandstein aus dem
Kielcer Bergland wird man an und in vielen Gebäuden in ganz Polen begegnen.
Am Nordrand des Kielcer Berglands wurden bereits zu Zeiten
des römischen Kaiserreichs Eisenerzvorkommen entdeckt, die man in primitiven
Schmelzöfen verhüttete. Ein entsprechendes Museum kann im Ort Nowa S³upia
besichtigt werden, wo alljährlich vorgeführt wird, wie diese Methode der
Eisengewinnung funktioniert. Der Erzabbau fand im Mittelalter seine
Fortsetzung. Aus gewonnenem Silber und Kupfer prägten die Herrschenden
Münzen, Eisen wurde zu Waffen verarbeitet und Silber und Zink zu Schmuck und
Gefäßen. Die ersten Hochöfen entstanden hier im 18. Jahrhundert. Im Ort
Sielpia hat man in einem ehemaligen Walzwerk ein Technikmuseum über die
Entwicklung von Bergbau und Hüttenwesen im Kielcer Bergland eingerichtet,
die im wesentlichen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Abschluß fand.
Wer genug durch die dunklen Tannenurwälder des Nationalparks
gestreift ist und auch weiterhin dem Stadtleben entfliehen will, dem seien
besonders die anmutigen, sonnigen Hügel südwestlich von Kielce für weitere
Ausflüge empfohlen. Auf kleinstem Raum findet man eine Vielzahl
touristischer Sehenswürdigkeiten. Hoch auf einem Kalkfelsen steht die
mächtige dreitürmige Ruine der Königsburg Chêciny. Von ihrem Turm schweift
der Blick weit in die Berglandschaft, die hier an einen riesigen gepflügten
Acker mit aufgerichteten Schollen und dazwischenliegenden Furchen erinnert.
Nebenan kann man sich in die unterirdische Welt der Tropfsteinhöhle „Raj"
begeben. Wiederum einige Kilometer südlich davon öffnet das Freilichtmuseum
Tokarnia mit Kirche, Wirtshaus, Gehöften, Schmieden und Windmühlen seine
Tore. Literaturliebhaber werden sich zum kleinen Landschloß des polnischen
Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz - des Verfassers von „Qou vadis", „Die
Kreuzritter" und „Der kleine Ritter"- nach Oblêgorek begeben. Der
geschmackvoll im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingerichtete
Herrensitz erinnert überzeugend an die Zeiten, in denen Sienkiewicz hier
lebte und arbeitete. Ein Park mit alten Eichen, Lärchen, Eiben und
exotischen Ziersträuchern lädt zum Spazieren und Verweilen ein. Im
benachbarten Strawczyn erinnert ein Gedenkstein aus rosafarbenem Sandstein
daran, daß Stefan ¯eromski, ein weiterer bekannter polnischer
Schriftstreller, der in seinen Werken immer wieder das Kielcer Bergland
verewigt hat und für seinen Schutz eingetreten ist, dort das Licht der Welt
erblickt hat.
Architekturbegeisterte Touristen kommen im Kielcer Bergland
voll auf ihre Kosten. Die Kleinstädte haben oft unverändert seit dem
Mittelalter ihren Grundriß beibehalten, und ausgenommen die verunzierenden
Reklameschilder fühlt man sich zurückversetzt in vergangene Zeiten.
Unbedingt aufzusuchen ist W¹chock. Dort gründeten Zisterzienser 1179 ein
Kloster, legten das sumpfige Kamiennatal trocken und ließen in der Umgebung
von W¹chock den Urwald roden. Sie erhielten vom König das Recht, im Kielcer
Bergland nach Erzschätzen zu suchen und wurden so zu Wegbereitern des
hiesigen Bergbaus. Die spätromanischen Gebäude des Klosterkomplexes sind
Meisterwerke der Architektur, besonders sehenswert der Versammlungsort des
Klosterkapitels in reinsten romanischen Formen. Den Besucher gewiß entzücken
wird der Ort Szyd³ów südöstlich von Kielce mit seinem erhaltenen gotischen
Stadtplan und der fast 700 m langen Stadtmauer, dem imponierenden Krakauer
Tor und der gotischen Kirche des hl. Ladislaus. 12 km weiter nördlich liegt
an einem großen Stausee Raków - einst bedeutendes kulturelles Zentrum der
Polnischen Brüder (arianische Hochschule, Druckerei, Handwerksbetriebe,
Tuch- und Papierherstellung). Nachdem der polnische Sejm 1638 die Druckerei
schließen ließ und 1658 die Bürger zum römisch-katholischen Glauben
übertreten mußten oder aber vertrieben wurden, begann der Verfall des Ortes.
Heute eine beliebte Sommerfrische (Kiefernwälder, Wassersport). Südlich
Staszów liegt versteckt neben dem Dorf Rytwiany ein im 17. Jahrhundert
erbautes Kamedulenserkloster. Ringsum große Waldungen, und es wird
verständlich, warum der Einsiedlerorden gerade diesen Ort der Ruhe und
Abgeschiedenheit ausgesucht hat. Weiter nordöstlich sind die Städte Opatów
(Stadttor, romanische Kollegiatskirche aus dem 12. Jahrhundert,
unterirdische Gänge) und das herrlich im Koprzywiankatal gelegene Klimontów
zu empfehlen.Ein weiterer bezaubernder Ort mit weitgehend erhaltenem
mittelalterlichen Stadtbild ist das nördlich von Kielce gelegene Szyd³owiec.
Am Markt ein im Stil der Renaissance erbautes Rathaus mit sehr schönem Turm,
unweit davon die spätgotische Sigismundkirche. Zwischen Markt und Kirche
steht ein Pranger - ein selten gewordenes Detail der einstigen
Rechtsprechung. Im Schloß (Gotik-Renaissance) kann eines der wenigen
polnischen Musikinstrumentenmuseen besichtigt werden.
Wer sich nach soviel Mittelalter gar um mehrere Jahrtausende
in der Zeit zurückversetzen möchte, muß sich in Richtung Ostrowiec begeben.
Dort liegt östlich von der Stadt das archäologische Reservat Krzemionki, wo
im Neolithikum beträchtliche Mengen von Feuerstein in ca. 10 m Tiefe aus dem
Kalk gehauen wurden. Einige Stollen sind für den Besucherverkehr zugänglich
gemacht worden und können gruppenweise besichtigt werden. Zusätzliche
Attraktion ist die Rekonstruktion einer Siedlung aus der Jungsteinzeit. Großen Reiz verleihen der Berglandschaft die vielen Bäche und
kleinen Flüsse, auch wenn sie nicht sonderlich wasserreich sind. Man hat das
Wasser an mehreren Stellen aufgestaut, so daß Badefreunde und Wassersportler
sich auch in größerer Zahl dort tummeln können. Wem mehr eine beschauliche Fahrt auf dem Fluß zusagt, der
suche die schon erwähnte Gegend südöstlich von Kielce auf. Die dort
fließende Nida windet sich kurvenreich zwischen den Höhenzügen hindurch. Sie
eignet sich ideal für kürzere Touren mit dem Schlauchboot oder auch längere
Paddelbootexpeditionen bis nach Pinczów und weiter bis an die Mündung des
Flusses in die Weichsel. Sauberes Wasser ladet zum Baden ein, über den
hellen Sand des Flußbettes huschen Fische. Trotz der beträchtlichen
Umweltverschmutzung durch Zementwerke, Gießereien und Steinbrüche ist vieles
von der einstigen Naturlandschaft des Kielcer Berglandes erhalten geblieben.
Wer einen Blick dafür hat, wird die hier verbrachte Zeit nicht bereuen. Eine
Reise ins Kielcer Bergland bringt zweifellos etwas Ruhe und Besinnlichkeit
in unser rastlos gewordenes Leben. Gönnen Sie sich den Moment, einmal im
Landhaus des Verfassers des „Kleinen Ritters" den Klängen der Vergangenheit
zu lauschen. Betrachten Sie einmal etwas länger die kunstvoll gebauten
Kirchen. Sie sind überwiegend barock, barocke Innenausstattungen, barockes
Äußeres. Doch erkennt das geschulte Auge inmitten der Mauern bald um ganze
Jahrhunderte ältere Details. Vielerorts auf dem Lande trifft man in den
kleinen Pfarrkirchen auf authentische gotische oder gar romanische Elemente.
Wer noch weiter in die Vergangenheit zurück möchte, findet Steinwälle -
Kultringe unserer heidnischen Vorfahren aus der Zeit vor der
Christianisierung dieses Landes. Wer sich für die Erdgeschichte
interessiert, dem werden die vielen Steinbrüche wie ein Bilderbuch
erscheinen, er kann die Schichtungen aller geologischen Epochen erkennen,
selbst Feuerstein aus dem Fels hauen und die Farbvariationen des Kalksteins
aus dem Devon bewundern. Begeben Sie sich auf diese Zeitreise. Für jeden
Besucher ist etwas vorhanden, und über allem waltet eine bezaubernde Natur,
scheinbar gleichförmig, doch stets in Veränderung begriffen. Das Kielcer
Bergland heißt Sie willkommen! Opracowano
na podstawie ksi¹¿ki
"Œwiêtokrzyskim Szlakiem" wyd. Voyager
Tekst niemiecki: Eckehard Kêsicki |